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Jung, aber nicht der Norm entsprechend

Von Daniel Schneebeli (Tages-Anzeiger vom 8.1.2011)

Der Einstieg ins Berufsleben fällt vielen schwer. Unter 25-Jährige sind fast doppelt so häufig arbeitslos wie ältere Berufstätige.

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Noch immer hat er keinen Ausbildungsplatz:
Pascal Fehrs Zukunft ist ungewiss. (Foto: Sophie Stieger)

«Das grösste Übel der heutigen Jugend ist, dass man selber nicht mehr dazugehört», sagte Salvador Dalí. Doch jene, die dazuge-

hören, haben es auch nicht leicht, könnte man fortfahren - etwa nach einem Blick in die Arbeitslosenstatistik. Junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren sind viel häufiger ohne Beschäftigung als andere. 2009 waren gemäss Arbeitskräfteerhebung des Bundes 8,2 Prozent von ihnen arbeitslos, während die Quote über alle Erwerbstätigen gemessen bei 4,1 Prozent lag. Junge fallen ent-
weder aus dem Arbeitsprozess, weil sie nach der Lehre keine Stelle finden, oder sie schaffen den Einstieg ins Berufsleben schon nach der Schule nicht. In Amtsdeutsch heisst das «ohne Anschluss-
lösung». Diese Jugendlichen laufen Gefahr, in der heiklen Phase des Erwachsenwerdens den Boden unter den Füssen zu verlieren.

Besonders gefährdet, in diese «Risikogruppe» abzudriften, sind Fremdsprachige, Schulschwache und Sonderlinge - wie zum Beispiel Pascal Fehr, Schweizer, aufgewachsen zusammen mit seiner
Mutter und seiner Schwester in Zürich-Affoltern. Sein Vater lebt auch in der Stadt, aber zu ihm hat er keine starke Beziehung. Bei unserem Besuch macht es zwar nicht den Anschein, als ob Pascal
gefährdet sein könnte. Der schlanke, bleiche 19-Jährige empfängt uns in der Rümlanger Kabelfabrik Kertesz. Dort hütet er zwei Wochen das Büro des Logistikchefs, in seinem ersten Praktikum überhaupt.

Die Schule war eine Qual

Abzuzeichnen begannen sich Pascals Probleme bereits in der Primarschule. Er war wortkarg, scheu und verschlossen. Im Unter-
richt kam er gut mit, aber die Klassenkameraden schnitten und
hänselten ihn. Pascal war ein Aussenseiter, die Schule war eine grosse Qual. Nach der sechsten Klasse hatte er genug und weigerte sich, in die Sekundarschule zu gehen. Schliesslich blieb seiner
Mutter und den Behörden nichts anderes übrig, als ihn in Schwamendingen, wo ihn niemand kannte, in eine Sonderschule zu schicken. Dort ging es «einigermassen», und nach zwei Jahren trat
Pascal in eine Normalklasse der Sekundarschule A über. Seine Schulnoten waren zwar nicht Spitze, aber genügend. Doch der Norm entsprach Pascal nicht, richtige Freunde fand er auch in Schwamendingen keine.

Dann kam die Lehrstellensuche. Einen Traumberuf hatte Pascal auf seinen Fahrten nach Schwamendingen gefunden: Buschauffeur. «Einfach den ganzen Tag allein Busfahren, das stellte ich mir schön vor», sagt er. Pascal schrieb über 50 Bewerbungen, als Auto-
mechaniker, Konstrukteur. Er tat es allein, liess sich von niemandem helfen, auch dann nicht, als sich der Misserfolg ab-
zeichnete. Pascal weigerte sich auch, in ein

10. Schuljahr zu gehen: «Von der Schule hatte ich endgültig genug.» Und so blieb er ohne Anschlusslösung und nach den Sommerferien einfach daheim. Am Computer spielte er Schach, und sonst tat er nichts. «Ich hockte nur noch zu Hause und be-
mitleidete mich selber.» Seine wenigen Kameraden gingen ver-
loren, hie und da schrieb er eine Bewerbung, aber ohne Lust und Überzeugung. Das ging zwei Jahre lang so, bis Pascal merkte: «Ich schaffe es nicht allein.»

Schummeln im Lebenslauf

Er ging zur Regionalen Arbeitsvermittlung. Der Berater hatte keine Freude an ihm: «Er machte mir eigentlich nur Vorwürfe und kritisierte, ich hätte alles falsch gemacht», sagt Pascal. Er bekam den Auftrag, einen Platz in einem Motivationssemester zu suchen. Doch auch das ging schief. Er sei zu alt, hiess es, oder zu lange un-

tätig gewesen.

Dann versuchte es Pascal, mittlerweile 18, mit einem Integrations-
programm. Man optimierte Pascals Unterlagen, trainierte mit ihm Bewerbungsgespräche. Doch der Erfolg blieb aus. Kein Praktikum, nichts. In der Verzweiflung rieten ihm die Berater, in der Bewerb-
ung ein bisschen zu schummeln und in die wachsende Lücke seines Lebenslaufs wenigstens einen Auslandsaufenthalt einzubauen. Doch das konnte Pascal mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Immer mehr hatte er das Gefühl, seine Odyssee werde ewig weitergehen.

Dann sah Pascal in der Auslage eines Berufsberaters den Flyer von Jobshop, der Temporäreinsätze für stellenlose Jugendliche ver-
mittelt. Im April 2010 ging er dort vorbei. Es war der erste Licht-
blick seit langem: «Man hat mich mit offenen Armen empfangen», erzählt Pascal. Bald konnte er seine ersten Stundeneinsätze leisten. In einer Druckerei musste er Drucksachen in Couverts abfüllen, Botengänge durchführen, sauber machen. Es waren Hilfsarbeiten, aber Pascal erledigte sie gut: «Seit langem habe ich wieder einmal ein positives Feedback erhalten.» Und was besonders erfreulich war: Pascal verdiente 18 Franken pro Stunde.

Häufig waren diese Einsätze nicht, doch sie setzten einiges in Bewegung. Im letzten Sommer wurde er im privaten Integrations-
programm Impulsis aufgenommen. Dort geht Pascal einen Tag pro Woche zur Schule; im Oktober konnte er bei Kertesz anfrangen. Das macht den Jugendlichen zufrieden: «Es ist ein grosses Glück, dass ich hier sein darf, mit einem Chef, der mir Vertrauen ent-
gegenbringt.» Pascal sieht sich nun au dem Weg zurück: «Ich bin daran, im Leben wieder Fuss zu fassen.»

Dich sicher ist das noch nicht. Erst muss er nun als 19-Jähriger eine Lehrstelle finden. Mittlerweile will er nicht mehr Busfahrer werden, sondern eine KV-Lehre machen. Eben konnte er sich bei einer Personalvermittlungsfirma vorstellen. Die Lücke in seinem Lebens-
lauf begründete er in der Bewerbung mit dem Satz: «Aufgrund von schwierigen familiären Verhältnissen war es mir in dieser Zeit nicht möglich, zu arbeiten.»

Was aber geschieht im Sommer, wenn es mit der Stellensuche erneut nicht klappt? «Dann stehe ich wieder am Anfang», sagt Pascal. Doch diesmal hat er Hoffnung. Er sei offener und selbst-
bewusster geworden, sagt er, und er habe die schwierigen Jahre ohne Absturz überstanden. Er rauche nicht, trinke nicht und nehme keine Drogen. Fuss fassen will Pascal im Leben auch privat. Manchmal wünscht er sich sogar seine Kollegen aus der Primar-
schule zurück, und kürzlich war er mit seiner Schwester erstmals ausgegangen. Es sei zwar nicht leicht gewesen unter den vielen Leuten, aber er habe es ausgehalten.

Zunehmende Vereinsamung

Ist Pascal Fehr mit seiner Geschichte ein Spezialfall unter der vielen jugendlichen Arbeitslosen? André Willi, Geschäftsleiter beim Integrationsprogramm Impulsis, verneint das. Er betreut in seiner Organisation immer mehr depressive Jugendliche. Die anonyme Partyszene und die Verlagerung der Kontaktpflege auf die virtuelle Ebene seien vor allem für labile Jugendliche gefährlich. Sie würden
vermehrt zu Hause bleiben und ihre realen Kontakte verlieren. Die Vereinsamung sei aber nicht nur ein Problem in den sogenannt bildungsfernen Schichten. Immer mehr habe Impulsis mit des-
illusionierten Jugendlichen von der Goldküste zu tun. Er stellt bei ihnen eine zunehmende Lethargie fest. Für ihn ist das nicht ver-
wunderlich. «Wie soll man Jugendlichen den Sinn des Arbeitens
vermitteln, wenn sie auch ohne alles haben können?»

Trotzdem ist Willi sehr zuversichtlich. Bei Impulsis gelinge es, für 90 Prozent der Jugendlichen nach einem Jahr eine Lehrstelle oder einen Platz in einer anderen Ausbildungsform zu finden. (sch)

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