Am vergangenen Mittwoch berichtete die Rundschau des Schweizer Fernsehens darüber, dass die Lehrlinge hier zu Lande an Dauerstress leiden. Dies kann unangenehme, ja sogar gesundheitsschädigenden Auswirkungen nach sich ziehen. Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie es während meiner Lehrzeit war, stelle ich fest, dass heute vermutlich viel mehr in der gleichen Zeit gefordert wird. Nun kann man sagen, ein bisschen Anstrengung und Forderung schadet niemanden und mache stark. Mumpitz! Man könnte dies in die selbe Schublade schieben, in welcher sich der Spruch seit Jahrzehnten hält, dass die Jungs in der Rekrutenschule, im Militär zu richten Männern werden. (Was ist mit den Rekrutinnen?)

Dass Jugendliche unter Stress leiden, kann auf die Anforderungen in der Lehre oder allgemein in der Ausbildung zurückgeführt werden. Aber es gibt noch weit mehr Anforderungen an junge Menschen. Sie müssen nämlich erwachsen werden. Vom Kindsalter geht’s rasant in Richtung Mündigkeit. Dazwischen aber noch ein, aufs gesamte Leben gesehen, kurzer Zwischenhalt um einfach eine Jugendliche oder Jugendlicher zu sein. So kurz die Entwicklungsphase auch ist, intensiv ist sie auf jeden Fall! Freunde finden, die Sexualität entdecken, sich von den Eltern lösen, von Erwachsenen abgrenzen und sich gegen sie aufbäumen. Die Liste der Entwicklungsaufgaben kann weitergeführt werden. Fakt ist, es wird einiges von Jugendlichen, durch Eltern, LehrmeisterInnen, LehrerInnen und aber auch von Gleichaltrigen gefordert und das kann zwischenzeitlich Stress auslösen.

Dauerstress bei Jugendlichen? Wie kann vom Umfeld darauf reagiert werden? Wo sind Unterstützungsmöglichkeiten? Auf unserer Webseite gibt es über 500 nach Themen strukturierte Links zu Hilfs- und Beratungsangeboten, rund 200 davon führen zu Stellen in der Stadt Zürich. Es gibt sie also, die Unterstützungsmöglichkeiten, doch weshalb hält sich der Stress und der Druck bei Jugendlichen in dieser Gesellschaft so wacker? Genau solche Fragen beschäftigen zwei Veranstaltungen in den kommenden Wochen. Zum einen ist dies das Jugendseelsorgeforum am 26. November im Zentrum Karl der Grosse in Zürich. Im Zentrum der Veranstaltung steht das Thema Körperkult! Der Drang einem Idealbild zu entsprechen, jeden Tag trainieren, sich im Spiegel zu betrachten und nicht zufrieden zu sein – ein problematisches Extrem? Oder einfach ein gesellschaftlicher Trend?

Am 7. Dezember 2015 laden der Migros Genossenschaftsbund und der DOJ zur jährlichen Kebab+ Veranstaltung im Migros Hochhaus am Limmatplatz in Zürich. Das diesjährige Thema lautet „Jugendliche unter Leistungsdruck“. Wir haben zwei der Organisatoren getroffen und bei Ihnen nachgefragt.

Hallo Marcel, kannst Du dich kurz für unsere Leserinnen und Leser vorstellen?Marcel Küng Jugendseelsorge Zürich
Gerne. Mein Name ist Marcel Küng, ich bin 39 Jahre alt, glücklich verheiratet, wohne in Luzern und arbeite seit vier Jahren in Zürich bei der Jugendseelsorge Zürich als Jugendberater. Ich habe dieses Jahr mein MAS in Systemischer Beratung am IAP ZHAW abgeschlossen und zuvor Soziokulturelle Animation in Luzern studiert.

Welches Idealbild hast Du von einem Körper?
Mein Ideal ist der Körper, den ich jetzt habe. Das war jedoch nicht immer so. Als Jugendlicher litt ich unter meinem Übergewicht, was mein Selbstbild lange Zeit prägte. Ich habe mich dann irgendwann für Körperarbeit interessiert, die auch die Psyche miteinschliesst. Ich sehe Körper und Geist heute als eine Einheit.

Wie kam es dazu, dass Ihr ein Jugendseelsorgeforum zum Thema Körperkult veranstaltet?
Grundsätzlich ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper vor allem im Jugendalter Dauerthema. Jugendliche in der Pubertät sind in Bezug auf ihren Körper oftmals besonders verunsichert und unzufrieden, da sich ihr Körper in dieser Zeit stark verändert. Meine KollegInnen und ich haben im Austausch mit Jugendarbeitenden, Jugendberatenden und Jugendlichen selbst die Wahrnehmung, dass gerade in letzter Zeit das Thema sehr in den Vordergrund rückt und auch medial stark thematisiert und polarisiert wird. Wir sahen die Gelegenheit, eine fachliche Auseinandersetzung sowie einen Austausch dazu zu ermöglichen und entschlossen uns, das Jugendseelsorgeforum als Plattform dafür zu nutzen.

An wen ist die Veranstaltung gerichtet?
Als Zielpublikum sehen wir Hauptberufliche in der Jugendarbeit und Jugendberatung sowie allgemein Fachpersonen, Seelsorgende und Interessierte.

Was dürfen die Teilnehmenden von dieser Veranstaltung erwarten?
Interessante neue Erkenntnisse darüber, wann wir mit unserem Körper zufrieden sind und welche Faktoren diesen Zustand begünstigen und aufrechterhalten.
Eine Auseinandersetzung zum Thema Körperkult und körperdysmorphen Störungen bei Jugendlichen.
Die Möglichkeit, sich in einem von vier Workshops mit anderen Teilnehmenden in ein spezifisches Thema zu vertiefen.
Genügend Zeit, um sich mit anderen Teilnehmenden während der Pause auch informell auszutauschen und sich etwas zu stärken.

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Robert Sempach Migros GenossenschaftsbundHallo Robert, kannst Du dich kurz für unsere Leserinnen und Leser vorstellen?
Ich bin Ernährungspsychologe und leite den Fachbereich Gesundheit in der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes. Diese Aufgabe macht mir viel Spass und Freude, weil ich mich für das Wohlbefinden anderer Menschen engagieren kann. Dabei verstehe ich Gesundheit in einem umfassenden Sinne, d. h. nicht nur die physische oder körperliche, sondern die psychische und soziale Seite der Gesundheit sind mir ein genauso wichtiges Anliegen. Aus dieser Haltung heraus habe ich z. B. den club minu, ein Projekt für übergewichtige Kinder und ihre Eltern, Kebab+  oder Tavolata, selbstorganisierte Tischgemeinschaften für ältere Menschen entwickelt. Privat bin ich mit einer Ernährungswissenschaftlerin aus Deutschland verheiratet. Unsere drei Söhne sind zwischen 16 – 21 Jahren alt. Der Familientisch hatte und hat bei uns einen wichtigen Stellenwert, weil wir uns da über alltägliche und persönliche Dinge, aber auch über gesellschaftliche und soziale Themen austauschen.

Wie kam es dazu, dass Ihr für die diesjährige Kebab+ Veranstaltung das Thema Leistungsdruck gewählt habt?
Oft erhalten wir für unsere Kebab+-Veranstaltungen Vorschläge von Jugendarbeitsstellen. Diesmal kam eine Anfrage von der Jacobs Foundation, ob die wichtigsten Ergebnisse einer aktuellen Studie über Leistungsdruck bei Jugendlichen an der Kebab+-Tagung vorgestellt werden könnten. Wir haben die Anfrage in der Kebab+-Projektsteuergruppe diskutiert und waren uns sehr schnell einig, dass dies ein passendes und relevantes Thema für die Jahrestagung vom 7. Dezember ist.

Wie kann das Thema Leistungsdruck mit Kebab+ in Verbindung gebracht werden?
Schon mit dem Projektnamen Kebab+ weisen wir darauf hin, dass Gesundheitsförderung nicht doziert werden soll, sondern mit dem Alltag von Jugendlichen in Verbindung stehen muss. Alles, was Jugendliche beschäftigt, kann zu einem Kebab+-Projekt werden. Die fünf zentralen Elemente von Kebab+: Kochen – essen – begegnen – ausspannen – bewegen lassen viel Raum für eine kreative und partizipative Auseinandersetzung mit der Lebenswelt von Jugendlichen. Darin ist auch Leistungsdruck ein wichtiges Thema, seien es gute Leistungen in der Schule oder Lehre, sei es in Form von Ansprüchen, wie Jugendliche aussehen oder wie viele Freunde sie in den sozialen Netzwerken haben sollten, um dazu zu gehören. Wenn es mit einem Kebab+-Projekt gelingt, Jugendliche zu sensibilisieren, eine kritische Haltung dazu zu entwickeln und einen selbstbestimmten Weg einzuschlagen, hat konkrete Gesundheitsförderung stattgefunden.

Es fanden schon ein paar Kebab+ Veranstaltung statt, welche immer einen spannenden Austausch ermöglichten. Was dürfen die Teilnehmenden dieses Jahr erwarten?
Sie werden Einblick in eine wichtige repräsentative Studie erhalten und Gelegenheit haben, sich mit den verschiedenen Aspekten von Leistungsdruck auseinander zu setzen. Auch das Thema „Burnout-Syndrom“ bei Jugendlichen wird vorgestellt und diskutiert. In spannenden Workshops wird es um spezifische Themen wie „Muskelprotz“ – Körperkult im Kontext von Medien, Entwicklungsaufgaben und Gesellschaft oder um die Frage der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper oder was „Bier und Joint“ mit Leistungsdruck zu tun haben, gehen.
Ausserdem werden beispielhafte Kebab+-Projekte vorgestellt werden und es gibt eine Einführung, was es braucht, um für ein Kebab+-Projekt einen Unterstützungsbeitrag vom Migros-Kulturprozent zu erhalten. Kurzum: ein reichhaltiges Menu!

Bei beiden Veranstaltungen wird es u.a. einen Workshop zur Sensibilisierungskampagne „Muskelprotz“ geben.


Weitere Informationen zum Jugendseelsorgeforum am 26. November
Jugendseelsorge Zürich

Weitere Informationen zur Kebab+ Veranstaltung am 7. Dezember 
Kebab+ 

Rundschau vom 04.11.2015 

Wie ist deine Meinung zum Thema? Wir sind gespannt und freuen uns auf Kommentare.