Ein Beitrag von Patrizia Sutter, Jugendarbeiterin 

„Hesch en Fründ?“

Schon während meiner Praktikumszeit in der offenen Jugendarbeit fing ich an, mich mit dem Thema sexuelle Vielfalt* zu beschäftigen. Wie oft wurde ich von Jugendlichen zu meinem Privatleben befragt und meistens kam ziemlich an erster Stelle, die für mich persönlich am schwierigsten zu beantwortende Frage: „Hesch du en Fründ?“ Man denkt sich nun vielleicht, warum brachte mich diese einfache Frage in einen Zwiespalt, in ein Dilemma gerade zu. Faktisch hatte ich zu dieser Zeit eine Beziehung, aber nicht mit einem Mann wie die Jugendlichen vermutlich erwartet haben, als sie mir diese Frage stellten, sondern mit einer Frau.
Ab diesem Zeitpunkt machte ich mir viele Gedanken zum Thema „Umgang mit sexueller Vielfalt in der offenen Jugendarbeit“ und stellte mir Fragen wie: Wie offen gehe ich gegenüber den Jugendlichen mit meiner eigenen Sexualität, beziehungsweise meiner Liebe zu einer anderen Frau um? Wie werden es die Jugendlichen, vor allem die Mädchen aufnehmen, wenn ich mich oute? Wie würden sich andere JugendarbeiterInnen** in einer solchen Situation verhalten, auch betreffend im wiederkehrenden Themen wie Nähe und Distanz? Fühlen sich LGTBQI*** Jugendliche in dem, von uns bereitgestellten Setting wohl? Ist das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht immer noch von Tabus behaftet und bietet die offene Jugendarbeit den Raum, die Möglichkeit und das Interesse sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, welche mich seit jeher begleiten? Mit der Verfassung meiner Bachelorarbeit versuchte ich schliesslich, einige dieser Leitfragen zu beantworten. Einige meiner Ergebnisse, werden in den nächsten drei Kapiteln kurz geschildert.

Heterosexualität = normal/ Der Rest = ….. ?

In unserem Lebensalltag sowie in aktuellen Diskussionen und Gesprächen über sexuelle Identitäten und Begehrensformen wird die Heterosexualität nach wie vor mit einem Selbstverständnis repräsentiert und somit klar als eine gesellschaftliche Norm ausgewiesen. Alle Lebensformen, welche nicht dieser normativen Vorstellung folgen, werden vorwiegend nicht, bis wenig thematisiert. Im Gegensatz dazu wird gerade Homosexualität im öffentlichen Leben in verschiedenen Formen angesprochen oder gezeigt, sei es in der Literatur, beim Film oder auch des Öfteren im Schulalltag. Meistens wird die Homosexualität der Heterosexualität als eine von der Norm abweichende, andersartige Form des Lebens gegenübergestellt. Dies führt dazu, dass das Bild der zweigeschlechtlichen Liebe verfestigt und immer von neuem weitergeführt wird (vgl. Hartmann 2002: 62f.). Aus diesem Grund zeigt sich, wann immer es um das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe geht, ein kaum aufzulösender Widerspruch. „Wenngleich die gesellschaftliche Haltung gegenüber homosexuellen Lebensweisen zunehmend tolerant erscheint und auch auf politisch- institutioneller Ebene die Einführung von Rechten für homosexuell lebende Menschen diskutiert wird, halten unter der Oberfläche homophobe Haltungen weiter an“ (Hartmann 2002: 63). Dieses Spannungsfeld wird einerseits von der Pluralisierung und der Öffnung zu Gunsten von verschiedenen Liebes-/ beziehungsweise Lebensentwürfen und andererseits in der Ablehnung und Diskriminierung derselben wiedergespiegelt (vgl. Hartmann 2002: 63). Gerade Jugendliche, welche sich in der Phase der Adoleszenz mit der eigenen Identitätsfindung auseinandersetzen müssen, suchen aus diesen Gründen Orientierungshilfen und Stabilität. So ist auch die Soziale Arbeit in Bezug auf dieses Themenfeld vor allem in Settings der offenen Jugendarbeit mit der beschriebenen Widersprüchlichkeit konfrontiert.

 

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Schwuler und Schwuchtel immer noch „in“?

Noch immer wird auf den Pausenplätzen oder auch in den Treffs der offenen Jugendarbeit das Wort „Schwuler“ oder „Schwuchtel“ als
eine negative Bezeichnung und Diskriminierung unter
Kindern und Jugendlichen verwendet (vgl. Biechele 2004: 3). Was für ein Leidensdruck aus diesen Gründen insbesondere auf homo- und bisexuelle Jugendliche zukommt, lassen Studien im Zusammenhang mit einer erhöhten Suizidversuchsrate nur erahnen. Laut diesen Untersuchungen hat ein Fünftel der befragten Jugendlichen in der Schweiz bereits einmal versucht, Suizid zu begehen. Fünfzig Prozent dieser Selbstmordversuche finden noch vor dem Erreichen des 20. Altersjahres und in einem engen Zusammenhang mit dem „Coming out“ der Jugendlichen statt (vgl. Universität Zürich/ Dialogai o.J.: 1). „Damit ist die Suizidgefahr bei jungen Homosexuellen im Alter von 16-20 Jahren zwei- bis fünfmal so hoch wie bei ihren heterosexuellen Altersgenossen.“ (Universität Zürich/ Dialogai o.J.: 1) Diese Tatsache zeigt, dass ein grosser Handlungsbedarf besteht. Im Fazit der Studie wird deshalb vorgeschlagen, dass sexuelle Vielfalt schon in der Schulzeit thematisiert werden soll. Die Präventionskampagnen, Programme und Projekte zu diesem Themenfeld, sollen sich demnach ebenfalls auf Minderheiten und insbesondere auf diese Risikogruppe beziehen (vgl. Universität Zürich/ Dialogai o.J.: 2). Ein solches Projekt, wäre beispielsweise das GLL Projekt****, welches auch in der offenen Jugendarbeit als Thematisierungshilfe beigezogen werden könnte.

Verantwortung der offenen Jugendarbeit

Somit ist auch die offene Jugendarbeit, welche eine der wichtigsten Anbieterinnen von ausserschulischen Aktivitäten ist und durch die Beschäftigung von professionellen Fachpersonen und einem offiziellen bundesweiten Auftrag einen grossen Teil der Jugendlichen mitbetreut, in der Verantwortung ihre vorhandenen Prozesse, Angebote und Umgangsweisen in Bezug auf die sexuelle Vielfalt zu reflektieren. Unterschiedlichen Untersuchungen zur Folge kann man zahlenmässig davon ausgehen, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung homo- oder bisexuell liebt (vgl. Biechele 2013: 12). Natürlich ist dieser Wert schwierig zu belegen. Er zeigt dennoch, dass es nicht wenige Personen (ob Jugendliche oder MitarbeiterInnen) gibt, welche einen etwas anderen Bedürfniskatalog haben und diesen in den Berufsalltag der Sozialen Arbeit miteinbringen und dort vorleben könnten. Dadurch würde ein grosses Potential entstehen, normative Grenzen zu erweitern und eine breitere sexuelle Vielfalt in diesem Setting zu generieren.
„Dafür ist es notwendig, dass Jugendarbeit allen Jugendlichen einen diskriminierungsfreien Raum anbietet sowie, dass JugendarbeiterInnen Gesprächsbereitschaft und Interesse für alle Lebensentwürfe und Begehrensformen zeigen.“ (Gross 2013: 22) Deshalb gilt immer folgender Merksatz für die Praxis der offenen Jugendarbeit: „Gehe Sie nie davon aus, dass alle Menschen im Raum heterosexuell sind und/ oder der gesellschaftlichen Norm von Mann/ Frau bzw. männlich/ weiblich entsprechen!“ (ebd.: 23)

„Nei ken Fründ, ich han e Fründin“

Nach dem Abschluss meiner Arbeit war klar, dass ich in Zukunft auf ähnliche Fragen ehrlich antworten möchte. Ich denke, dass eine Offenheit in Bezug auf sexuelle Vielfalt längerfristig eine Bereicherung für alle sein wird und viele spannende Diskussionen aufkommen werden. Meine ersten Erfahrungen in Gesprächen mit Jugendlichen waren mehrheitlich sehr erfolgreich und zeigen, dass eine solche Offenheit Türöffner für eher tabuisierte Themenbereiche sein können. Sexuelle Vielfalt scheint mir gerade zurzeit sehr aktuell zu sein und bringt immer wieder neue Haltungsfragen hervor, über welche sich Fachleute der offenen Jugendarbeit Gedanken machen sollten, wenn sie der oft benannten Leitparole: “Jugendarbeit, ist Jugendarbeit für alle“ (Gross 2013: 22), eine hohe Bedeutung beimessen wollen.

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